Wednesday, February 15, 2012

Sendung 12 - Februar '12

Die Februar-Ausgabe ist thematisch gesehen die kurioseste aller DITC-Sendungen. Euch erwarten rare und obskure Auswüchse des Space-Age, der goldenen Ära der bemannten Raumfahrt. Viele Künstler setzten sich zwischen 1957-1980 mit dieser Materie auseinander und schufen auf ganz unterschiedliche Weise Musik, die ihrer Zeit um Lichtjahre voraus war. Freut euch auf ein kosmisches Klangspektrum von Cha Cha Cha und Krautrock, bis Freejazz, Spacedisco und natürlich schwer aufzutreibende Science-Fiction Soundtracks.



1. Stardrive - Jupiterjump
(Stardrive, Columbia, 1974)

Die Ausgabe startet raketenartig mit abgedrehtem Synthie-Fusion von Stardrive. Im Zentrum des gleichnamigen Albums stehen der Keyboarder und Soundtüftler Robert Mason und sein selbst gebauter Synthesizer namens Stardrive. Das Mason die Maschine namentlich in den Vordergrund stellt, zeigt deutlich in welche Richtung sich die LP bewegt. Es geht um die Verquickung von Mensch und Technik, um die Formung einer Einheit. "Jupiterjump" ist ein klares Statement dafür, dass ihm dies auf unkonventionelle Art gelungen ist.

2. Virginie Rodin - Commando Spatial
(Single EP, Decca, 1966)

Im Gegensatz zu Deutschland übernimmt man in Frankreich meist keine englischen Begriffe, sondern überlegt sich lieber eigene. Das ist heute so, war aber in den 60er Jahren nicht anders. Als der Beat-Welle durch Gruppen wie The Beatles auf das europäische Festland schwappte und von tosenden "Yeah, Yeah!"-Rufen der Fans begleitet wurde, entwickelte sich daraus der Begriff der "Yé Yé"-Musik. In diese Sparte fällt auch die Musik von Virginie Rodin, die für die B-Seite ihrer Decca-EP eine Coverversion von Peter Thomas' Titelmelodie zu Raumpatrouille Orion aufgenommen hat. Im Gegensatz zum wortlosen Original hat sie ihre Version jedoch auch noch mit einem amüsanten Text unterlegt.

3. Peter Thomas - Stars and Rockets
(Chariots of the Gods, Polydor, 1970)

Der bekannteste Song von Peter Thomas ist sicherlich die Titelmusik für Raumpatrouille Orion. Die Fernsehserie, die in den 60er Jahren für das ARD produziert wurde, ist Kult bei Science-Fiction-Fans und Weltraum-Nerds. Die Musik, die er für die Doku "Chariots of the Gods" (deutscher Titel: Erinnerungen an die Zukunft) aufgenommen hat, ist dagegen in Vergessenheit geraten. Dies mag an Erich von Däniken liegen, der in der Buchvorlage für den Film die These aufstellte, dass die tempel vieler Hochkulturen nur mit Hilfe außerirdischer Mächte gebaut werden konnte. Heute können die meisten über solche Spekulationen nur müde lächeln, damals reichten solche Inhalte aber um den oscar für die beste Dokumentation zu gewinnen.



4. Science Fiction Corporation - End of the Robot
(Science Fiction Dance Party, Poulär, 1968)

Der Krautrock-Experte Ulrich Klatte zählt diese Platte eine der zehn obskursten LP's aus Deutschland. Und tatsächlich scheint für diese Produktion der Spaß eher im Vordergrund gestanden zu haben als der musikalische Anspruch. Dies zeigt sich auf Songs wie "End of the Robot", in dem Robbie, der Roboter aus dem Science-Fiction-Film "Alarm im Weltall", den Auftrag bekommt Perry Rhodan, den Weltraumhelden der gleichnamigen groschenhefte umzubringen. Hinter diesem Projekt verbergen sich die Library-Musiker Horst Ackermann und Heribert Thusek, die auch schon für die rare "Dracula's Music Cabinet"-LP zusammen gearbeitet haben.

5. The Ames Brothers - Destination Moon
(Destination Moon, RCA Victor, 1958)

Die Crooning-Band The Ames Brothers sind ein hervorragendes Beispiel für die Allgegenwärtigkeit von Science Fiction Ende der 50er Jahre. In Amerika gab es einen regelrechten Hype um alles was mit Sternen, Ufos und Raketen (Vorsicht: Doppeldeutigkeit) zu tun hatte. Die Unterhaltungsindustrie stellte sich auf diesen neuen Trend ein und peppte sogar schmalzige Liebesballaden mit Raumschiffen und fremden Planeten auf. Für The Ames Brothers war es der erfolglose Versuch sich zurück ins Showbiz zu beamen, nachdem immer mehr Teenager Rock'n'Roll hören wollten und ihre Musik nicht mehr angesagt war.


6. Anthony King - Galactic Warfare
(Lost Star, Peer International, 1978)

Zu der LP und dem Komponisten sind mir nicht viele Infos bekannt. Das Label Peer International ist dafür aber eine Hausmarke. Es gehört ohne Zweifel zu einem der gefragtesten Library-Label, auf welchem in den 70ern viele Archivmusik-Scheiben erschienen sind, die aufgrund ihrer Funk- und Breakbeats bei DJ's sehr gefragt sind.

7. Gäa - Uranus
(Auf der Bahn zum uranus, Kerston, 1974)

Nach einem Auftritt fragte der Produzent Alfred Kersten die Band, ob sie nicht Lust hätten eine Platte in seinem Studio nahe Stuttgart aufzunehmen. Als die Musiker dort ein paar Wochen später ankamen, "standen jedoch gerade die Flippers im Studio, bei brütender Hitze mit geschlossenen Anzügen. Auf den nächsten Tag vertröstet, mußte man dann aber schon wieder einer anderen Gruppe den Vortritt lassen, da Fred Kerstens anfängliche Begeisterung für Gäa wohl etwas nachgelassen hatte. Zurückschicken konnte er sie allerdings auch nicht, und so wurden die Aufnahmen dann an einem Samstag in aller Hast und ziemlich lustlos von ihm durchgezogen. Mit dem Ergebnis war die Gruppe dementsprechend unzufrieden. Trotzdem wurden die Stücke 1974 als LP "Auf der Bahn zum Uranus" (Kerston 65014) in Kleinstauflage veröffentlicht." Nicht wenige Krautrockfans sehen in der Platte eine der überschätztesten LP's überhaupt. Denn trotz der minderwertigen Aufnahmen wird sie für circa 600€ gehandelt.

8. Alain Goraguer - La femme
(La planète sauvage, Pathé Marconi, 1973)

Dieser Film genießt nicht zuletzt wegen des Scores von Alain Goraguer Kultstatus bei Sammlern und Filmfans. Es handelt sich dabei um einen animierten Science-Fiction-Film, der in einer surrealistischen Welt stattfindet, die Bildern von Dali ähnelt. Die großartige Musik, die diesem Striefen seine unvergleichliche Atmosphäre verleiht, kann als Mischung von Pink Floyd und Isaac Hayes beschrieben werden.
1973 wurde der Film mit dem Spezialpreis in Cannes ausgezeichnet.



9. Sun Ra - Love in outer Space
(Single, Saturn, 1975)

Sun Ra ist ohne Zweifel eine der schillernsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Und das liegt nicht nur an den glitzernden Gewändern und Kopfbedeckungen, die er während seiner Auftritte trug. Vielen war seine Musik aber zu abstrakt, sodass er stets als Avant-Gardist galt, der nie ein großes Publikum erreichte. Nichtzuletzt aufgrund deiner exzentrischen Art, überdauerte seine Musik die Jahrzehnte und dringt in den letzten Jahren immer mehr ins Bewusstsein von Hörern, die neue Klangerfahrungen machen wollen. Das gesamte Werk von Sun Ra zu überblicken ist schier unmöglich, denn er nahm in seiner Karriere hunterte von Alben auf, von denen viele nur in einer sehr geringen Auflage erschienen, sodass viele heute als verschollen gelten. Die Single "Love in outer space" wurde 1975 über sein eigenes Label veröffentlicht und ist eine Vokalversion des gleichnamigen Songs vom Album "The night of the purple moon" (1970).

10. Sun Ra - Rocket Number 9
( Space is the Place, Blue Thumb, 1973)

Dieser Song befindet sich auf dem Album "Space is the Place". Es ist leicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Soundtrack zu Sun Ras Science Fiction Film von 1972, in dem er seinen Mythos auf sehr verquere aber faszinierende Weise darlegt. Der offizielle Soundtrack zum Film erschien aber erst zwanzig Jahre später, 1993.


11. Jimmie Haskell - Moonlight Cha cha cha
(Countdown, Imperial, 1957)

Ein weiteres Beispiel für die Anfänge des Space-Age's Ende der 50er Jahre. Jimmie Haskell spielt auf seiner Idee typische Tanz- und Popnummern und peppt diese mit spacigen Effekten und ungewöhnlichen Instrumenten auf. Diese LP macht deutlich wie beliebt und selbstverständlich das Weltraum-Thema in dieser Zeit war und selbst konventionelle Unterhaltungsmusik beeinflusste.


12. John Keating - Starcluster
(Space Experience 2, Stereo2Stereo, 1975)

Ein weiterer (Aus)Flug auf den Planeten Synthesizer erwartet uns auf den Space Experiemce-LP's von John keating, die er für das Library-Label Stereo2Stereo von EMI aufgenommen hat. Neben Neuinterpretationen von zeitgenössischen Popsongs (z. B. "Dreamer" von Supertramp) gibt es auch eigene Kompositionen wie Starcluster zu hören. Wer analoge Synthie-Sounds und spacige Arragments abfeiert, sollte sich diese LP definitiv zulegen.

13. Ramases - Earth People
(Space Hymns, Vertigo Swirl, 1971)

Was macht ein britischer Heizungsmonteur, wenn sein Geschäft nicht gut läuft und keine Aufträge mehr kommen? Richtig, er versucht sich als Folkinterpret und erzählt seinen Zuhörern er sei die Reinkarnation vom Pharaoh Ramases. Der Erfolg folgte prompt und Michael Raphael, wie Ramases mit bürgerlichem Namen heißt, bekam einen vertrag bei dem berühmten ProgRock-Label Vertigo Swirl.
Die LP hat ein schönes Artwork, mit 6seitigem Cover zum Ausklappen:


14. Sonora Casino - Astronautas a Mercurio
(Trompeteros, Descarga, 1972)

Die LP von Sonora Casino ist eine tanzbare Scheibe aus Peru, die besonders Break-Digger und Tanzbeinschwinger glücklich machen wird. 200 Euro sollte man aber mindestens in seinem Sparstrumpf versteckt haben, wenn man die Platte sein eigen nennen will.

15. Sherman Space - Countdown
(Single, Teldec, 1969)

"Die erste Perry-Rhodan-Schallplatte ist da! „Count down“ ist der Schlager für alle Perry Rhodan Fans. Diese Schallplatte ist eine Verbeugung vor dem Phänomen Perry Rhodan, der größten Science-Fiction-Romanserie der Welt, deren Gesamtauflage allein in Deutschland bei nahezu 500 Titeln bisher über 56 Millionen beträgt. Dazu kommen rund 5 Millionen Comic-Hefte, eine Verfilmung und Lizenzausgaben in Amerika, Frankreich und Holland. Über 600 Perry Rhodan-Clubs existieren in Deutschland, die Zahl der Perry Rhodan-Leser ist nicht abzuschätzen."
Noch heute begeistern die Hefte unter dem Titel Perry Rhodan Neo mit einer Auflage von 80.000 wöchentlich tausende Fans. Die Musik von Sherman Space huldigt dem Protagonisten auf eine sehr witzige Weise, wie ich finde. Kult!

16. Venus Gang - Space Inferno
(Galactic Soul, Epic, 1978)

In den späten 70er Jahren sanken die Preise für Synthesizer und wurden auch für kleinere Studios erschwinglich. Dies hatte zur Folge, dass immer mehr Produzenten mit elektronischen Klängen arbeiten konnte und diese vermehrt in Musikstücken verwendet wurden. Synthesizer waren schon lange nicht mehr der Avantgarde vorbehalten, sondern kamen auch für populäre Stile zur Anwendung, wie zum Beispiel Discomusik. Die Platte von der Gruppe Venus Gang ist eine rare LP, die man als Spacedisco bezeichnen kann. Produziert wurde sie in Italien (Stichwort: Italodisco).

Friday, January 13, 2012

Sendung 11 - Januar '12

Die erste Ausgabe von Diggin in the Crates im Jahr 2012 hat es in sich: Wieder einmal geht die musikalische Reise kreuz und quer um den Erdball. Ihr hört unter anderem Library-Musik aus Australien, thailändische Neuinterpretationen amerikanischer Soulhits oder rare Singleaufnahmen aus Aserbeidschan. Dabei lösen sich sämtliche Genregrenzen über die Kontinente hinweg auf und führen zu einer kulturell-akustischen Fusion an deren Ende nur noch eines bleibt: Gute Musik.


1) Roberto Roena - Que se sepa
(Roberto Roena y su Apollo Sound 5, International, 1973)

Roberto Roena kann in seiner rund 50 Jährigen Karriere auf eine Vielzahl von Aufnahmen mit diversen Musikern zurückblicken. Ob als Mitglied in der Supergruppe Fania All Stars, an der Seite von Manu Dibango, oder mit seiner eigenen Band Apollo Sound. Mit dieser Combo spielte der Puertoricaner in den 70ern mehr als neun Alben ein und tourte mehrmals um die ganze Welt. Neben seiner Heimat erfreute sich seine Musik besonders in den USA großer Belibetheit. Speziell in New York und Los Angelos, wohin viele Südamerikaner emigrierten liefen seine Scheiben während der Hochphase der Boogaloo- und Salsa-Welle auf Dauerrotation.

2) Sven Libaek - Misty Canyon
(My Thing, Peer International, 1970)

Der gebürtige Norweger Sven Libaek emigrierte bereits in frühen Kinderjahren mit seinen Eltern nach Australien, wo er bis Ende der 70er Jahre eine wichtige Position in der Musikszene des Landes einnahm. Als Hausproduzent von CBS war er nicht nur an vielen australischen Aufnahmen jender Zeit beteiligt, sondern komponierte darüber hinaus Soundtracks und Musik für Dokumentationen und Serien. Die LP "My Thing", die er 1970 für das Label Peer International aufgenommen hat, zählt unter Sammlern zu den beliebtesten Library-Scheiben überhaupt. Die Verwendung von "Misty Canyon" für einen Track des Rap-Projekts Dangerdoom steigerte die Nachfrage enorm.

3) Tamam Shud - Music train
(Evolution, CBS, 1969)

Tamam Shud war eine australische Progressive Rock Band, die sich in den 60er Jahren formierte. Anfangs noch unter Namen wie The Strangers oder The Sunsets aktiv, änderten sie die Besetzung und den Namen 1967 in Tamam Shud. Die Ursprünge ihrer Musik sind im Surf zu finden und dies kann durchaus wörtlich verstanden werden. Denn im Gegensatz zu vielen US-bands, die diesen Stil prägten, war das Wellenreiten tatsächlich eine wichtige Inspirationsquelle für die Gruppe, wie Drummer Dannie Davidson selbst berichtet:

"The Band started hanging out together, surfboard riding was starting to play a large part in our lives, and we were all good mates about to start this wonderful journey through our youth of Music and Surfing."

4) Zia (Atabi) - Helelyos
(Single, Ahang Rooz, 197?)

Informationen über Zia Atabi herauszubekommen ist kein leichtes Unterfangen. Dies gilt im Übrigen für viele Musiker aus dem arabischen und asiatischen Raum. Grund hierfür sind neben den offensichtlichen Sprachbarrieren, dass oft nur geringe Interesse der Hörer an alten Aufnahmen aus dem eigenen Land. Das liegt im Falle des Irans vor allem an den politischen Umständen im Land. Bis zur Revolution im Jahr 1979 war die Kunst und Musik nämlich dutlich vom Westen beeinflusst, was man in den Folgejahren durch eine Besinnung auf die eigenen traditionen und Werte wieder rückgangig machen wollte. Viele Künstler aus der damiligen Zeit, wie auch der Popstar Zia, flohen ins Exil. Ihre Werke haben seitdem einen schlechten Ruf und sind aus diesem Grund nur schwer zu finden.

5) Boкaльньiй Kвapтет „ГAЯ” - Your Voice
(Single, Melodiya, 196?)

Mit der Single vom Vocal Quartet Gaya verhält es sich ähnlich wie mit der Musik von Zia. Auch in Aserbeidschan stand westlich inspirierte Musik in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts unter strenger Beobachtung. Frei Stilformen wie Jazz waren teilweise sogar verboten und konnten nur heimlich über Langwelle empfangen werden. Jeder noch so kleine Klangfetzen wurde von den dortigen Musikern mit großer Begeisterung aufgesogen und nachgespielt. Der Komponist Gara Garayev formierte in den späten 60ern drei befreundete Musiker um sich mit der Absicht diese Jazzeinflüsse mit poulärer Musik zu mischen. Dies ermöglichte es der Band einen offiziellen Release haben zu können, der nicht droht auf dem Index zu landen.

6) Letta Mbulu - What is wrong with groovin'
(Single, Random, 1967)

Die südafrikanische Vokalistin Letta Mbulu verließ ihre Heimat 1965 um mit US-Größen wie David Axelrod oder Cannonball Adderley zusammenzuarbeiten. Zwei Jahre später traf sie auf einen anderen Musiker aus Südafrika, der ebenfalls versuchte sich in den USA zu etablieren - Hugh Masekela. Mit ihm nahm Mbulu die Single "What is wrong with groovin'" auf, die mit ihrer Mischung aus Jazz, Soul und Salsa zu einer der rarsten 45's überhaupt avancierte. Es ist dem Radio-DJ Gilles Petersen, der die Platte wohl als erster vor dem Vergessen bewahrte, und dem Label Jazzman Records zu verdanken, dass sich Musikliebhaber die Scheibe heute kaufen können, auch wenn sie mal nicht 800$ unter ihrem Kopfkissen liegen haben.

7) Les Tabalas - Initiation
(Single B-Seite, Cadici, 1963)

Professionelle Aufnahmemöglichkeiten gab es im Senegal Anfang der 60er Jahre, wie in den meisten anderen afrikanischen Ländern, kaum. Ausnahmen bilden sicherlich Länder wie Ghana, Südafrika oder Nigeria, in denen schon früh Produktionen von internationalem Niveau durchgeführt werden konnten. Generell steckte die Musikindustrie jedoch noch in den Kinderschuhen und so bildet die Single der Studentenband Les Tabalas ein gutes Beispiel für die damalige Studiosituation. Aufgenommen wurde die EP nämlich in einem kleinen Kellerstudio in Dakar, das an den Elektronik- und Plattenladen Cadici angeschlossen war (siehe Labelenamen). Dort nahmen viele Lokalbands auf, denn in das große Studio von AM Radio durften meist nur die Radioorchester.

8) Belaynesh Wubante & Assegedetch Asfaw - Alemiye
(Single, Philips, 1974)

Meines Wissens nach haben die äthiopischen Sängerinnen Belaynesh Wubante und Assegedetch Asfaw zwei Single mit dem Arrangeur und Komponisten Mulatu Astake aufgenommen. Dieser kam während seines Studiums in den USA mit Jazz und lateinamerikanischer Musik in Berührung, die er nach seiner Rückkehr Anfang der 70er Jahre zunehmend in seine Musik integrierte. Es kam zur Verschmelzung dieser Musikformen mit traditioneller äthiopischer Musik - der Ethio-Jazz entstand. Wenn man sich "Alemiye" genau anhört, könnte man sogar sagen, dass Astake gemeinsam mit Wubante und Asfaw ein weiteres Genre geschaffen hat, und zwar den Ethio-Psych.

9) Banda Uniao Black - A familia Black
(Uniao Black, Polydor, 1977)

Die neun-köpfige Funkband Banda Uniao Black aus Brasilien nahm lediglich ein Album auf - dieses hat es jedoch in sich. Viele US-Funkgruppen, besonders Ende der 70er hätten sich hier ruhig mal den ein oder anderen Groove abschauen können. Das mit dem "einen" Album stimmt dann genau genommen auch gar nicht, denn nach fast 40 Jahren Auszeit nahm die Band 2006 eine weitere LP für das Label Vampisoul auf. Auf dieser setzten sie ihren damaligen Stil konsequent fort, nur das die Drums und Bässe noch mehr Druck haben. Eine Empfehlung für alle Funk-Fans.


10) Gerry Weil - The joy within yourself
(The Message, Polydor, 1971)

Gerhard Weilheim a.k.a. Gerry Weil kam früh mit Jazz in Berührung. Amerikanische Soldaten, die in Venezuela stationiert waren brachten ihm Swingstücke von Glenn Miller bei, woraufhin er sich zunehmend mit dieser Musik auseinandersetzte. In den späten 70ern fing er an viel mit anderen Stilen zu experimentieren und verwob in völliger Isolation auf einem venezuelanischen Landgut Musik von Bach mit hindischen Spirituals. Weil ist das urgestein in der Jazzszene des landes und veröffentlicht nach wie vor Alben. Seine letzte LP "Tepuy" erschien 2009 und skizziert den aktuellen Stand seiner über 60 jahre andauernden musikalischen Entwicklung.

11) Abdallah - Wild Hawk
(Single, Empire, 1972)

Bei der Single des libanesischen Sängers Abdallah handelt es sich um einen der vielen noch unentdeckten Schätze aus dem Nahen Osten. Obwohl es mitlerweile eine Vielzahl Lables gibt, die sich auf rare Musik spezialisiert haben und in regelmäßigen Abständen verschollene Obskuritäten neuauflegen, scheint der Fundus an bisher unbekannten Platten höher als je zuvor. Wahrscheinlich liegt es gerade an dem stark wachsenden Interesse von Musikfans und Diggern sich auf die Suche nach dem heiligen Gral zu begeben, dass an allen Ecken dieser Welt immer mehr Kuriositäten auftauchen. Zu vielen dieser Scheiben liegen aber (noch) keine Informationen vor und so kann ich außer den Angaben, die sich auf der Single befinden keine Details geben.



12) Suda Chuenbarn - Funky Broadway
(Single, Apples, 197?)

Mit dem Cover von Suda Chenbarn verhält es sich ähnlich wie mit der 45 von Abdallah. Es sind im Internet kaum Informationen über die Sängerin oder die Platte zu finden. Das Label Apples kenne ich zwar mitlerweile und kann sagen, dass es sich dabei um ein thailändisches handelt, viel mehr ist mir nicht bekannt. Der Song "Funky Broadway" stammt ursprünglich von Glen Miller 8nicht zu verwechseln mit Glenn Miller). Er tauchte vor ein paar Jahren auf der Compilation "Thai Beat a GoGo" auf, auf welcher einige ungewöhnliche Pop-Singles aus Thailand zusammengetragen wurden.

13) Bo Hansson - The City
(Magican Hat, Charisma, 1973)

Zum Ende der Sendung geht die Reise nach Europa, genauer gesagt nach Schweden. Doch wo genau wir uns befinden lässt sich beim Hören von Bo Hanssons Musik nur schwer sagen. Auf seinen Alben vermischen sich Rock und Jazz, fließen hinüber in Folk und lassen dann wieder starke Themen in den Vordergrund treten, wie man sie sonst nur aus der Filmmusik kennt. Die Grundstimmung dieser Fusion weist dabei eine Grundstimmung auf, die ich bisher bei keiner anderen Platte erlebt habe. In den Kompositionen von Bo Hansson ist eine geheime Zutat enthalten, die sich vielleicht am Besten mit mystisch beschreiben lässt. Die Musik bewegt sich aber jenseits von Worten. Wer das verstehen möchte, sollte sich das Album in ganzer Länge anhören.


14) Emil Viklicky Quartet - Cacharel
(Hommage to Joan Miro, Supraphon, 1988)

Zum Abschluss der Sendung gibt es ein ambitioniertes Jazzprojekt aus der Tschecheslowakei. Emil Viklicky und sein Quartett haben es sich zur Aufgabe gemacht die Bilder und Figuren des katalanischen Künstlers Joan Miro musikalisch umzusetzen. Dabei beschränken sie sich nicht nur auf die direkte Übertragung eines Kunstwerkes auf einen Song, sondern es ging vielmehr darum sich von dem geist des Malers und seiner ästhetischen Sprache inspirieren zu lassen.

Wednesday, December 14, 2011

Sendung 12 - Februar '12

Die Februar-Ausgabe ist thematisch gesehen die kurioseste aller DITC-Sendungen. Euch erwarten rare und obskure Auswüchse des Space-Age, der goldenen Ära der bemannten Raumfahrt. Viele Künstler setzten sich zwischen 1957-1980 mit dieser Materie auseinander und schufen auf ganz unterschiedliche Weise Musik, die ihrer Zeit um Lichtjahre voraus war. Freut euch auf ein kosmisches Klangspektrum von Cha Cha Cha und Krautrock, bis Freejazz, Spacedisco und natürlich schwer aufzutreibende Science-Fiction Soundtracks.



1. Stardrive - Jupiterjump
(Stardrive, Columbia, 1974)

Die Ausgabe startet raketenartig mit abgedrehtem Synthie-Fusion von Stardrive. Im Zentrum des gleichnamigen Albums stehen der Keyboarder und Soundtüftler Robert Mason und sein selbst gebauter Synthesizer namens Stardrive. Das Mason die Maschine namentlich in den Vordergrund stellt, zeigt deutlich in welche Richtung sich die LP bewegt. Es geht um die Verquickung von Mensch und Technik, um die Formung einer Einheit. "Jupiterjump" ist ein klares Statement dafür, dass ihm dies auf unkonventionelle Art gelungen ist.

2. Virginie Rodin - Commando Spatial
(Single EP, Decca, 1966)

Im Gegensatz zu Deutschland übernimmt man in Frankreich meist keine englischen Begriffe, sondern überlegt sich lieber eigene. Das ist heute so, war aber in den 60er Jahren nicht anders. Als der Beat-Welle durch Gruppen wie The Beatles auf das europäische Festland schwappte und von tosenden "Yeah, Yeah!"-Rufen der Fans begleitet wurde, entwickelte sich daraus der Begriff der "Yé Yé"-Musik. In diese Sparte fällt auch die Musik von Virginie Rodin, die für die B-Seite ihrer Decca-EP eine Coverversion von Peter Thomas' Titelmelodie zu Raumpatrouille Orion aufgenommen hat. Im Gegensatz zum wortlosen Original hat sie ihre Version jedoch auch noch mit einem amüsanten Text unterlegt.

3. Peter Thomas - Stars and Rockets
(Chariots of the Gods, Polydor, 1970)

Der bekannteste Song von Peter Thomas ist sicherlich die Titelmusik für Raumpatrouille Orion. Die Fernsehserie, die in den 60er Jahren für das ARD produziert wurde, ist Kult bei Science-Fiction-Fans und Weltraum-Nerds. Die Musik, die er für die Doku "Chariots of the Gods" (deutscher Titel: Erinnerungen an die Zukunft) aufgenommen hat, ist dagegen in Vergessenheit geraten. Dies mag an Erich von Däniken liegen, der in der Buchvorlage für den Film die These aufstellte, dass die tempel vieler Hochkulturen nur mit Hilfe außerirdischer Mächte gebaut werden konnte. Heute können die meisten über solche Spekulationen nur müde lächeln, damals reichten solche Inhalte aber um den oscar für die beste Dokumentation zu gewinnen.



4. Science Fiction Corporation - End of the Robot
(Science Fiction Dance Party, Poulär, 1968)

Der Krautrock-Experte Ulrich Klatte zählt diese Platte eine der zehn obskursten LP's aus Deutschland. Und tatsächlich scheint für diese Produktion der Spaß eher im Vordergrund gestanden zu haben als der musikalische Anspruch. Dies zeigt sich auf Songs wie "End of the Robot", in dem Robbie, der Roboter aus dem Science-Fiction-Film "Alarm im Weltall", den Auftrag bekommt Perry Rhodan, den Weltraumhelden der gleichnamigen groschenhefte umzubringen. Hinter diesem Projekt verbergen sich die Library-Musiker Horst Ackermann und Heribert Thusek, die auch schon für die rare "Dracula's Music Cabinet"-LP zusammen gearbeitet haben.

5. The Ames Brothers - Destination Moon
(Destination Moon, RCA Victor, 1958)

Die Crooning-Band The Ames Brothers sind ein hervorragendes Beispiel für die Allgegenwärtigkeit von Science Fiction Ende der 50er Jahre. In Amerika gab es einen regelrechten Hype um alles was mit Sternen, Ufos und Raketen (Vorsicht: Doppeldeutigkeit) zu tun hatte. Die Unterhaltungsindustrie stellte sich auf diesen neuen Trend ein und peppte sogar schmalzige Liebesballaden mit Raumschiffen und fremden Planeten auf. Für The Ames Brothers war es der erfolglose Versuch sich zurück ins Showbiz zu beamen, nachdem immer mehr Teenager Rock'n'Roll hören wollten und ihre Musik nicht mehr angesagt war.


6. Anthony King - Galactic Warfare
(Lost Star, Peer International, 1978)

Zu der LP und dem Komponisten sind mir nicht viele Infos bekannt. Das Label Peer International ist dafür aber eine Hausmarke. Es gehört ohne Zweifel zu einem der gefragtesten Library-Label, auf welchem in den 70ern viele Archivmusik-Scheiben erschienen sind, die aufgrund ihrer Funk- und Breakbeats bei DJ's sehr gefragt sind.

7. Gäa - Uranus
(Auf der Bahn zum uranus, Kerston, 1974)

Nach einem Auftritt fragte der Produzent Alfred Kersten die Band, ob sie nicht Lust hätten eine Platte in seinem Studio nahe Stuttgart aufzunehmen. Als die Musiker dort ein paar Wochen später ankamen, "standen jedoch gerade die Flippers im Studio, bei brütender Hitze mit geschlossenen Anzügen. Auf den nächsten Tag vertröstet, mußte man dann aber schon wieder einer anderen Gruppe den Vortritt lassen, da Fred Kerstens anfängliche Begeisterung für Gäa wohl etwas nachgelassen hatte. Zurückschicken konnte er sie allerdings auch nicht, und so wurden die Aufnahmen dann an einem Samstag in aller Hast und ziemlich lustlos von ihm durchgezogen. Mit dem Ergebnis war die Gruppe dementsprechend unzufrieden. Trotzdem wurden die Stücke 1974 als LP "Auf der Bahn zum Uranus" (Kerston 65014) in Kleinstauflage veröffentlicht." Nicht wenige Krautrockfans sehen in der Platte eine der überschätztesten LP's überhaupt. Denn trotz der minderwertigen Aufnahmen wird sie für circa 600€ gehandelt.

8. Alain Goraguer - La femme
(La planète sauvage, Pathé Marconi, 1973)

Dieser Film genießt nicht zuletzt wegen des Scores von Alain Goraguer Kultstatus bei Sammlern und Filmfans. Es handelt sich dabei um einen animierten Science-Fiction-Film, der in einer surrealistischen Welt stattfindet, die Bildern von Dali ähnelt. Die großartige Musik, die diesem Striefen seine unvergleichliche Atmosphäre verleiht, kann als Mischung von Pink Floyd und Isaac Hayes beschrieben werden.
1973 wurde der Film mit dem Spezialpreis in Cannes ausgezeichnet.




9. Sun Ra - Love in outer Space
(Single, Saturn, 1975)

Sun Ra ist ohne Zweifel eine der schillernsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Und das liegt nicht nur an den glitzernden Gewändern und Kopfbedeckungen, die er während seiner Auftritte trug. Vielen war seine Musik aber zu abstrakt, sodass er stets als Avant-Gardist galt, der nie ein großes Publikum erreichte. Nichtzuletzt aufgrund deiner exzentrischen Art, überdauerte seine Musik die Jahrzehnte und dringt in den letzten Jahren immer mehr ins Bewusstsein von Hörern, die neue Klangerfahrungen machen wollen. Das gesamte Werk von Sun Ra zu überblicken ist schier unmöglich, denn er nahm in seiner Karriere hunterte von Alben auf, von denen viele nur in einer sehr geringen Auflage erschienen, sodass viele heute als verschollen gelten. Die Single "Love in outer space" wurde 1975 über sein eigenes Label veröffentlicht und ist eine Vokalversion des gleichnamigen Songs vom Album "The night of the purple moon" (1970).

10. Sun Ra - Rocket Number 9
( Space is the Place, Blue Thumb, 1973)

Dieser Song befindet sich auf dem Album "Space is the Place". Es ist leicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Soundtrack zu Sun Ras Science Fiction Film von 1972, in dem er seinen Mythos auf sehr verquere aber faszinierende Weise darlegt. Der offizielle Soundtrack zum Film erschien aber erst zwanzig Jahre später, 1993.


11. Jimmie Haskell - Moonlight Cha cha cha
(Countdown, Imperial, 1957)

Ein weiteres Beispiel für die Anfänge des Space-Age's Ende der 50er Jahre. Jimmie Haskell spielt auf seiner Idee typische Tanz- und Popnummern und peppt diese mit spacigen Effekten und ungewöhnlichen Instrumenten auf. Diese LP macht deutlich wie beliebt und selbstverständlich das Weltraum-Thema in dieser Zeit war und selbst konventionelle Unterhaltungsmusik beeinflusste.


12. John Keating - Starcluster
(Space Experience 2, Stereo2Stereo, 1975)

Ein weiterer (Aus)Flug auf den Planeten Synthesizer erwartet uns auf den Space Experiemce-LP's von John keating, die er für das Library-Label Stereo2Stereo von EMI aufgenommen hat. Neben Neuinterpretationen von zeitgenössischen Popsongs (z. B. "Dreamer" von Supertramp) gibt es auch eigene Kompositionen wie Starcluster zu hören. Wer analoge Synthie-Sounds und spacige Arragments abfeiert, sollte sich diese LP definitiv zulegen.

13. Ramases - Earth People
(Space Hymns, Vertigo Swirl, 1971)

Was macht ein britischer Heizungsmonteur, wenn sein Geschäft nicht gut läuft und keine Aufträge mehr kommen? Richtig, er versucht sich als Folkinterpret und erzählt seinen Zuhörern er sei die Reinkarnation vom Pharaoh Ramases. Der Erfolg folgte prompt und Michael Raphael, wie Ramases mit bürgerlichem Namen heißt, bekam einen vertrag bei dem berühmten ProgRock-Label Vertigo Swirl.
Die LP hat ein schönes Artwork, mit 6seitigem Cover zum Ausklappen:


14. Sonora Casino - Astronautas a Mercurio
(Trompeteros, Descarga, 1972)

Die LP von Sonora Casino ist eine tanzbare Scheibe aus Peru, die besonders Break-Digger und Tanzbeinschwinger glücklich machen wird. 200 Euro sollte man aber mindestens in seinem Sparstrumpf versteckt haben, wenn man die Platte sein eigen nennen will.

15. Sherman Space - Countdown
(Single, Teldec, 1969)

"Die erste Perry-Rhodan-Schallplatte ist da! „Count down“ ist der Schlager für alle Perry Rhodan Fans. Diese Schallplatte ist eine Verbeugung vor dem Phänomen Perry Rhodan, der größten Science-Fiction-Romanserie der Welt, deren Gesamtauflage allein in Deutschland bei nahezu 500 Titeln bisher über 56 Millionen beträgt. Dazu kommen rund 5 Millionen Comic-Hefte, eine Verfilmung und Lizenzausgaben in Amerika, Frankreich und Holland. Über 600 Perry Rhodan-Clubs existieren in Deutschland, die Zahl der Perry Rhodan-Leser ist nicht abzuschätzen."
Noch heute begeistern die Hefte unter dem Titel Perry Rhodan Neo mit einer Auflage von 80.000 wöchentlich tausende Fans. Die Musik von Sherman Space huldigt dem Protagonisten auf eine sehr witzige Weise, wie ich finde. Kult!

16. Venus Gang - Space Inferno
(Galactic Soul, Epic, 1978)

In den späten 70er Jahren sanken die Preise für Synthesizer und wurden auch für kleinere Studios erschwinglich. Dies hatte zur Folge, dass immer mehr Produzenten mit elektronischen Klängen arbeiten konnte und diese vermehrt in Musikstücken verwendet wurden. Synthesizer waren schon lange nicht mehr der Avantgarde vorbehalten, sondern kamen auch für populäre Stile zur Anwendung, wie zum Beispiel Discomusik. Die Platte von der Gruppe Venus Gang ist eine rare LP, die man als Spacedisco bezeichnen kann. Produziert wurde sie in Italien (Stichwort: Italodisco).

Wednesday, December 7, 2011

Sendung 10 - Dezember '11

Diesen Monat präsentiert euch Caballo zum letzten Mal seine raren Plattenfunde - zur bisherigen Sendezeit um 8 Uhr. Aus diesem Anlass hat er sich für die Ausgabe eines seiner Lieblingsthemen ausgesucht: Obskure und schwer zu findende Scheiben aus Deutschland. Von skurrilem Garagen-Beat und Krimi-Jazz der 60er, über irrwitzigem Politrock und Werbesongs der frühen 70er bis hin zu Kraut-Minimal der 80er Jahre ist alles dabei. Ein breites Grinsen wird man sich bei dem einen oder anderen Text sicher nicht verkneifen können!



1) The Blizzards - Hab keine Lust heut aufzustehen
(Single, Fontana, 1965)

Diese Garagenband hat in den 60er Jahren im Großraum Hamburg für einigen Wirbel auf den Tanzflächen der Beat-Diskotheken gesorgt. Die aus Stade stammende Gruppe belegt eindrucksvoll, dass bereits zu diesem frühen Zeitpunkt eine eigenständige Beatszene in Deutschland existierte. Inspiriert von The Bealtes (die jahrelang im Hamburger Star-Club auftraten)und anderen englischen Bands gründete sie sich 1961 und trug dazu bei, dass Hamburg damals als deutsches Beat-Mekka galt.

2) Hartmut Kiesewetter - Fuccade Hit
(Single, Teldec, 1973)

Harmut Kiesewetter ist einer der vielen fast vergessenen Komponisten und Arrangeure aus Deutschland. Die Wenigen, denen er ein Begriff ist, verbinden mit seinem Namen wahrscheinlich tanzbare Unterhaltungsmusik, die er für diverse Schlagerstars produziert hat. Unter Pseudonymen wie Hardy's Jet Band oder Hardy Kingston & His Orchestra entstanden aber auch Jazz- oder Library-LP's, die bei Sammlern vor allen wegen der funkigen Breaks sehr beliebt sind.

3) Rolf Kühn - Manhatten Skyline II
(City Calling, Selected Sound, 1974)

Der Jazzpianist und Klarinnetist wurde 1929 in Köln geboren und beeinflusste die Entwicklung der deutschen Jazzszene nach dem zweiten Weltkrieg maßgeblich. Gemeinsam mit seinem Bruder Joachim Kühn erhielt er dieses Jahr den Jazz-Echo für sein Lebenswerk. Neben klassischem Jazz, Jazzrock und Free Jazz, schrieb er auch Scores für Serien wie Tatort oder Derrick. Die LP "City Calling" ist eine der wenigen Library-Aufnahmen, die Kühn in seiner Karriere einspielte.

4) Lokomotive Kreuzberg - Geldsack
(Kollege Klatt, Pläne, 1973)

In den 70er Jahren gab es eine Vielzahl von interessanten Musikprojekten, die nicht selten aus politischen Beweggründen heraus entstanden. So beschloss das Künstlerkollektiv Lokomotive Kreuzberg 1972 populäre Rockmusik mit politischem Kabarett und gesellschaftskritischen Theaterinszenierungen zu verbinden und eine Mischung aus diesen drei Elementen bei ihren Konzerten zu präsentieren. Die Alben der Gruppe sind ähnlich konzipiert und haben die Form eines musikalisch-politischen Hörspiels.

5) Theo Schumann -Combo - Radebeul-West
(Single B-Seite "HullyGully Party", Amiga, 1964)

Von den Einen als zu seicht und konform verschmäht, von den Anderen als authentische Beatgruppe mit eigenem Stil gefeiert: Die Musik der 1961 gegründeten Theo-Schumann-Combo polarisierte die Beatfans in der DDR vom ersten Tag an. Bedenkt man, dass Beatmusik vonseiten der SED-Führung verpönt und als "nicht-sozialistische" Musik eingestuft wurde wird diese Kontroverse verständlicher. Einerseits wollten die Hörer der amerikanischen Beathits ihren Status aufbegehrende Jugendliche nicht hergeben, andererseits wollten die Politiker der als Krawall-Provozierend geltende Beat- und Surfmusik keine offizielle Lizenz erteilen. Theo Schumann fand mit seiner Gruppe einen Weg, sich mit seiner Musik trotz dieser Widersprüche zu behaupten und zählt zu den wichtigsten ostdeutschen Vertretern dieser Musik.

6) Panta Rhei - Der Losverkäufer
(Panta Rhei, Amiga, 1973)

"Alles fließt" in der Musik von Panta Rhei, zumindest wenn man dem Bandnamen glauben schenkt. Und tatsächlich bewegt sich die DDR-Gruppe auf ihrem ersten Album flüssig durch verschiedene Musikstile und verbindet deutsche Texte mit Funk, Jazz und Rock. Die Sängerin auf dem gleichnamigen Debut-Album ist niemand geringeres als Veronika Fischer, die Ende 1973 ihre Solokarriere startete. Nachdem sich der Rest der Band zwei Jahre später auflöste, gründeten Gitarrist und Sänger Dreilich, Bassist Protzmann und Keyboarder Swillms die Gruppe Karat. Ihr bekanntester Titel ist "Über sieben Brücken musst du gehn".

7) Michael Naura - Why is Mary so nervous
(Call, MPS, 1971)

Das Label Musik Produktion Schwarzwald (MPS) zählt ohne Zweifel zu den renomiertesten deutschen Jazzlabels. 1968 in der Kleinstadt Villingen gegründet, wurden darüber eine Vielzahl hochwertiger Releases von Musikern wie Volker Kriegel oder Rolf Kühn herausgebracht. Der Labelkatalog ist jedoch nicht auf deutsche Künstler beschränkt, sondern beinhaltet auch LP's internationaler Musiker. Von George Duke, über Oscar Petersen, bis hin zu Baden Powell haben viele hochkarätige Jazzstars Platten bei MPS releast. Michael Naura zählt ähnlich wie Rolf Kühn zu den wichtigsten Figuren im deutschen Jazz und neben seiner Musik jahrelang als Jazzredakteur beim NDR tätig.


8) Ambros Seelos - Guma
(Ambros Seelos, Ariola, 197?)

Ähnlich wie Hartmut Kiesewetter zählt auch Ambros Seelos zu den vergessenen Arrangeuren und Komponisten. Seine Veröffentlichungen waren jedoch wesentlich stärker von seichter Tanz- und Unterhaltungsmusik geprägt. Lange Zeit spielte er mit seinem Orchester auf Kreuzfahrtschiffen und füllte mit Interpretationen bekannter Hits die Tanzflächen an Bord. Dennoch war er dem Funk keineswegs abgeneigt und verstand es diesen auf eine Big-Band zuzuschneiden. "Guma" ist hierfür ein klangvolles Beispiel.

9) Botho Lucas Chor & The Soundmasters - Cigarillo
(Come on, clap Hands, Dance, MFP, 1972)

Der Deutsch-Brasilianer Gerhard Dannemann gründete Ende des 19. Jahrhunderts seine erste Zigarrenfabrik in Sao Paolo und produzierte dort Zigarren für den deutschen Markt. Um diese erfolgreich zu vermarkten wurde Anfang der 70er der Botho Lucas Chor engagiert. Die Gruppe sollte mit ihrem Titel die brasilianischen Wurzeln des Unternehmens andeuten und vor allem das als konservativ geltende Produkt durch zeitgemäße Musik attraktiver machen. Herausgekommen ist ein kurioser Song, der trotz Veröffentlichung auf dem großen Unterhaltungslabel MFP nur schwer zu finden ist.

10) Hildegard Knef - Wie viele Menschen waren glücklich, daß Du gelebt?
(Knef, Decca, 1970)

Ihre Karriere begann Hildegard Knef als Schauspielerin in den späten 40er Jahren. Für große Aufmerksamkeit sorgte sie erstmals 1950 mit einer Nacktszene in dem Film "Die Sünderin", was heftige Proteste seitens der katholischen Kirche hervorrief und damit verbunden für großen Medienrummel sorgte. Wer an ihren bekanntesten Song "Für dich soll's rote Rosen regnen" denkt, für den ist die LP "Knef" eine absolute Überraschung. Für mich zählt der Eröffnungssong "Wie viele Menschen waren glücklich, dass du gelebt?" zu einem der besten deutschsprachigen Songs überhaupt.

11) Hoelderlin - Traum
(Hoelderlin's Traum, Pilz, 1972)

Hinter dem Namen Hoelderlin verbirgt sich eine der wichtigsten Folk-Gruppen des Krautrocks. Inspiriert von den Gedichten Friedrich Hölderlins, einem der bedeutensten Vertreter der Weimarer Klassik und Romantik, begannen sie die Stimmungen der Lyrik einzufangen. Dabei ging es jedoch darum Musik zu spielen, die nach 18. und 19. Jahrhundert klingt. Das Ziel war es klassische Instrumente wie Cello, Querflöte und Viola mit neuen Stilen und Texten zusammen zu bringen. Herausgekommen ist eines der interessantesten Folkrock-Alben, die je in Deutschland aufgenommen wurden.


12) Dieter Moebius - Transport
(Tonspuren, Sky, 1983)

Dieter Moebius hat mit den Bands Harmonia und Cluster Pionierarbeit für die elektronische Musik geleistet. Mit ihren synthetischen Klangprojekten der frühen 70er Jahren beeinflussten sie nachfolgende Musikergenerationen maßgeblich. Künstler wie David Bowie, The Human League oder die Red Hot Chili Peppers geben die Gruppen als wichtigen Einfluss an. In Deutschland sind ihre Alben, die frühe Formen von Trance und Ambient aufweisen, nicht mehr allzu vielen Leuten bekannt. Die Soloalben von Moebius führen dies elektronischen Gehversuche der Vorläufer-LP's konsequent weiter und zeigen deutlich, dass die Wurzeln seines Schaffens in Steve Reich's Minimal und den elektronischen Experimenten Karlheinz Stockhausen's liegen.

13) Eileen - Die Stiefel sind zum Wandern
(Single, Vogue, 1966)

Nancy
Sinatras Evergreen "These boots are made for walking" ist vermutlich jedem von euch bekannt. Das in den 60ern eine deutsche Coverversion dieses Titels erschien dürften dagegen nur wenige wissen. Eileen übersetzte das Lied mit "Die Stiefel sind zum Wandern" und kreierte eine (unfreiwillig) komische Neuinterpretation des US-Hits. Soweit ich weiß hat sie im gleichen Zuge sogar noch eine italienische und französische Version releast.

14) Peter Thomas - Crime doesn't pay
(FBI Man Jerry Cotton, Polydor, 1967)

Peter Thomas zählt zu den wichtigsten deutschen Filmkomponisten und schrieb die Musik für etwa 100 Kinofilme und 600 Fernsehfilme und -serien. Darüber hinaus existiert eine schier unüberschaubare Anzahl von Melodien und Themen für Werbe- und Industriefilme, Dokumentationen, Musicals und Archivproduktionen. Das seine Musik bei Filmfans und Regisseuren hoch im Kurs steht zeigt sich schon daran, dass Quentin Tarrantino seinem Kollegen George Cloney für dessen Debut "Confessions of a dangerous mind" Musik von Peter Thomas empfahl. Fünf Titel aus frühen Edgar Wallace-Scores fanden in Cloneys Film schließlich Verwendung. Die LP "FBI Man Jerry Cotton" nahm Thomas für die gleichnamige Krimi-Serie auf, die aus den berühmten Jerry Cotton-Groschenheftchen hervorging.

15) Wir - Jerusalem
(Die Welt von Heute, Metronome, 1971)


Meine Recherchen zur Gruppe "Wir" ergaben leider nicht allzu viele Informationen. Offenbar hat die Band nur ein Album veröffentlicht und mit der ausgekoppelten Single "David und Goliath" einen großen Hit. Geschrieben hat diesen Song Drafi Deutscher, der auch als Sänger fester Bestandteil von "Wir" war. Neben Schlager-lastigen Gute-Laune-Liedern befindet sich auf der LP aber auch das ein oder andere Break, wie zum Beispiel auf "Jerusalem", dass auf dem Album durch den rockigen Anstrich herausragt.